Das Warten lohnt sich, jedenfalls manchmal. Während die Digitalisierung der Musik immer weiter fortschreitet, Plattensammlungen von Festplatten ersetzt werden und DJs mit Laptops „auflegen“, gibt es immer wieder Künstler, die mit Stimmgewalt und altmodisch verpackten Songs ein Millionenpublikum erreichen.Schon im September freuten wir uns: Amy Winehouse kommt nach Berlin. Gewiss, einigen unter uns wird das egal gewesen sein, aber die Freunde der kräftigen Soulstimme in dem zierlichen, tätowierten Körper waren gespannt. Obwohl es dann am 15. Oktober endlich soweit war, hatte das Warten kein Ende. Nach Ende des Vorprogramms mussten wir noch eine Stunde ausharren.
Ängstlichen unter uns kamen Pressenotizen von (aufgrund zu
starkem Alkohol- und Drogengenusses) abgesagten Auftritten
ins Gedächtnis, hartgesottene Fans schrieen sich die Seele aus
dem Leib und einige brachten mit Buhrufen ihr Unverständnis für solche Starallüren zum Ausdruck. Als dann endlich der Vorhang aufging, wurden alle Gerüchte bestätigt. Wir wurden Zeuge wie Amy Winehouse vermutlich volltrunken und unter Drogen, jedoch stimmgewaltig und ergreifend, ihr aktuelles Album präsentierte,
und dabei eine Stunde lang das Publikum vollkommen ignorierte. Während sie nervös mit ihren Haaren spielte, unbeholfen an ihrem Kostüm nestelte und sich schwankend am Mikroständer festhielt, war sie zwar da, doch gleichzeitig abwesend.
War das jetzt peinlich, aufregend oder ein Skandal?
Mitleid beschreibt wohl am Besten das Gefühl, das wir empfanden. Mitleid mit einem traurigen,
betrunkenen Mädchen, mit einer beeindruckenden Künstlerin, die sich selbst zerstört. Man wollte sie in den Arm nehmen und trösten.
Als nach nur einem Song Zugabe die Sängerin die Bühne verließ, waren wir nicht traurig, dass das Konzert zu Ende war, sondern glücklich, dass sie es überlebt hat, nicht umgefallen ist oder noch öfter den Text und ihren Einsatz verpasst hat. Darauf haben wir also gewartet: öffentliches Teilhaben an dem privaten Elend einer tollen Künstlerin. Es war ein bisschen wie bei den
Katastrophenberichten in den Nachrichten.
(jf)
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